Weltrekord

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Der Westen Deutschlands hat viele Attraktionen zu bieten. Da ist zum Beispiel der Rhein an sich. Und da sind die Vulkane der Eifel. In der Kombination ergeben sich eine Fahrt durch eine schöne Landschaft und ein Besuch beim größten Kaltwasser-Geysir der Welt.

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Im Gegensatz zu den natürlichen heißen Wassersprudlern sind ihre kühlen Brüder immer das Ergebnis von Bohrungen. In Andenach bzw. an einer Halbinsel in der Nähe, der Namedyer Werth, endete 1903 eine Bohrung, mit der Kohlensäure für die Mineralwasserprodution gefunden werden sollte, in 350 Metern Tiefe.

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Die Arbeiter damals wussten nicht, wie ihnen geschah, als aus dem Bohrloch eine über 40 Meter hohe Wasserfontaine schoss. Genau genommen war es keine reine Wasserfontaine, sondern ein mit Wasser angereicherter Gasausbruch.

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Da sich das Schauspiel fortan regelmäßig wiederholte, wurde das stark mineralhaltige und abführend wirkende Wasser in den folgenden Jahrzehnten zwar als Heilwasser verkauft.

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Gleichzeitig brachte es der Geysir aber zu einiger Berühmtheit, bis er 1957 wieder versiegte, weil sich im Bohrloch so viel Schmutz und Rost abgelagert hatten, dass sich das Wasser in der Tiefe nicht mehr so sehr mit Kohlendioxid sättigen konnte, damit sich jene Blasen bilden konnten, die nach ihrem rasanten Aufstieg den Fontaineneffekt erzeugen.

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Als 1967 die riesige Hangbrücke der Bundesstraße 9 entstand, war die Quelle im Weg und wurde abgedichtet.

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1985 wurde der Altarm des Rheins mit dem Namedyer Werth Naturschutzgebiet.

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Die Stadtherren hatten die Geschichten um den sagenhaften Geysir nicht vergessen und ließen etwas Abseits erneut bohren.

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Das Ergebnis sehen sich spätestens seit der Eröffnung des Geysir-Zentrums 2009 täglich Hunderte Menschen an. Die erneute Bohrung mit besserem Material und genauen Kenntnissen zu den Voraussetzung reichlicher Spudelaktivität brachte Andenach 2008 den Eintrag ins Guinnessbuch der Rekorde ein. Mit 60 Metern ist ihr Kaltwassergeysir seither der größte der Welt.

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Wer ihn heute sehen will, kauft sich ein Ticket für 15 Euro, schaut sich die sehr kindgerechte Erlebnisausstellung im futuristischen Geysirzentrum an und fährt dann mit dem Schiff 15 Minuten zum Naturschutzgebiet, geht 300 Meter zum roten Gestein des gefassten Bohrlochs und erlebt den etwa neun Minuten dauernden Ausbruch der Sprudelquelle.

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Wer mag, kann dann auch das Wasser kosten. Muss aber nicht sein, schmeckt sehr bescheiden, nach Durchfall … Da erst ab einem halben Liter die Wirkung einsetzt, besteht aber keine Gefahr.

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Denn nach der Rückfahrt lockt die hübsche Altstadt von Andernach, die angeblich auch bereits mehr als 2000 Jahre Geschichte auf dem Buckel hat. Erhalten ist davon vor allem die mittelalterliche Stadtmauer, der mächtige Wohnturm und der romanische Dom.

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Aber natürlich gibt es auch für Touristen aus Trier Leckereien, die den Geschmack des Heilwassers schnell vergessen machen.

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Gastfreundschaft pur

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Wenn vor einem großen Haus im westlichsten Mittelgebirge Deutschlands 50 Paar schmutzige Laufschuhe stehen, dann ist Eifellauf. Genauer gesagt: dann ist Eifellauf in Heilenbach. Evelyn und Arnold haben eingeladen, die nicht ganz flache Umgebung dieses kleinen Dorfes laufend zu erkunden.

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Bei unserem ersten schönen Erlebnis beim Eifellauf in Röhl haben wir die Einladung von Evelyn bekommen. Und so haben sich (von rechts links) Marion, Franzi, Birgit, Christoph. Bettina, Marc und der elektrisierte zierliche Läufer in der unvermeidlichen gelben Jacke trotz des Regens aufgemacht, um die Zusage zu erfüllen.

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Ohne Navi hätten wir Heilenbach nicht gefunden. Denn das liegt hinter Rittersdorf genau da, wo die Straße am schmalsten ist. Aber Christoph hat Navi, und so sind wir nicht wirklich überrascht, als uns einige Menschen in wetterfesten Sportoutfit eben dort über den Weg laufen.

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Also Auto abstellen und vor der Eingangstür mit etwas Zappelei auf der Stelle die Kälte vertreiben. Was da an Leckereien im Eingang verschwindet, lässt die Vorfreude auf die Stärkung nach dem Lauf schon jetzt wachsen. Evelyn und Arnold freuen sich, dass wir aus Trier gekommen sind. Die Einladung für eine Stärkung danach kommt von Herzen.

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Leider ist der eigentliche Pfadfinder für die 20-Kilometer-Strecke krank geworden. So machen sich 15er und 20er gemeinsam auf den Weg. „Wer nach 14 Kilometern noch Lust und Energie hat, kann dann ja noch eine Runde durch den Wald dranhängen“, kündigt Arnold an. Und dann geht es los.

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Gemächlich ist das Tempo, viel gemächlicher als bei dem GA2-Lauf in Röhl. Gut so. Bleibt genug Atem, um sich zu unterhalten. Ich muss natürlich vom elektrisch verstärkten Training berichten, das mein Körper am zweiten Tag tatsächlich mit Muskelkater vornehmlich am Gesäß und an der hinteren Oberschenkel-Mukulatur quittiert.

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So viel sei an dieser Stelle schon mal verraten: Am Ende der mit 800 Höhenmeter – und in diesem Fall sind es tatsächlich nur positive Höhenmeter – versehenen Runde wird mit das Hinsetzen ziemlich Probleme machen. Das Aufstehen noch mehr …

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Der Schmerz wird aber auch ordentlich erkämpft. Denn anders als in Röhl laufen wir nach wenigen Kilometern in den Wald, wo sich die Trail-Schuh-Wahl als goldrichtig erweist. Wer Goretex-Ausführung trägt ist klar im Vorteil.

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Etwa sünf Kilometer bergauf, bis nach Plütscheid. Von einem Hügel dort reicht der Blick angeblich bis weit in den Hunsrück. Heute nicht. Zu viele Wolken. Deshalb ersparen wir uns die letzten 50 Höhenmeter dorthin auch.

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Zudem wartet bei Kilometer zehn süßer und heißer Tee, Müslischnitten und Kuchen. Lecker und nach der langen Anstieg genau richtig.

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Zurück auf anderer Strecke durch den Wald. Bis auf ein kurzes Stück entlang der Autobahn sehr schön. Und irgendwie sind wir ganz schnell wieder in der Nähe von Heilenbach.

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Die meisten lockt nun das Kuchenbüffet im Hause der Familie Arnold. Aber Christoph wäre nicht Christoph, Marc nicht Marc und Rainer nicht Rainer, würden wir hier Schluss machen. Eine Gruppe von zehn Läufern, genauer gesagt neun Läufern und einer Läuferin lassen sich nicht lumpen.

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Das Tempo erinnert nun wieder sehr an Röhl. Bis ein Absperrband signalisiert, was auch ohne gut zu sehen ist: gefällte Bäume kreuz und quer über dem Weg. Da sind wohl die Waldarbeiter nicht fertig geworden … Dann also einige Klettereinlagen. Strongman light.

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Und danach. Nochmal reichlich Höhenmeter auf zugegebenermaßen herrlich weichem Waldboden. Und nach einer letzten Schleife vor dem Ort haben wir dann genau die 21 Kilometer voll gemacht, als wir unsere Schuhe dem Heer der Treter hinzugesellen, die das vor dem Haus stehen.

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Und dann … wird’s gemütlich. Die drei Duschen reichen tatsächlich für alle Gäste. Natürlich nicht gleichzeitig 😉 Und das Büffet ist tatsächlich so üppig bestückt, dass nahezu jeder das Haus nicht verlassen wird, ohne noch etwas mitgenommen zu haben.

Das Haus, ja, das ist zurecht der ganze Stolz von Arnold. Er hat das alte Bauernhaus quasi komplett erneuert. Super aufwendig und liebevoll. Sogar der alte Brunnen ist erhalten, aus dem sich vor 200 Jahren die Bewohner ihr Wasser im Gebäude schöpften. Heute deckt eine massive Glasplatte das runde Loch im Boden ab. Arnold gibt gerne mit einem stolzen Lächeln Auskunft über alle Details. Und gefragt wird er viel.

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In der großen Wohnstube vor dem Kaminofen ist es derweil wirklich gut auszuhalten. Zur Krönung präsentiert Evelyn dann mit der Gitarre noch das Geburtstagsständchen, das sie  am Abend dem Vater aller Eifelläufe, Peter de Winkel, zum 60. Geburtstag darbringen wird. Für uns heißt es deshalb aufstehen – nicht ganz ohne Schmerzen – und zurück nach Trier.

Gastfreundschaft pur in der Eifel. Das hat Spaß gemacht. Vielen Dank Evelyn und Arnold!

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P.S.: Dass ich es erst jetzt geschafft habe, diesen Eintrag zu schreiben, hat auch etwas Gutes: ich kann in Gedanken dieses schöne Ereignis noch einmal erleben.

Freundliche Eifel

Wir hatten es uns schon länger überlegt, mal bei einem der Eifelläufe zu starten. Seit 20 Jahren organisieren Läufer von verschiedenen Vereinen ehrenamtlich im Winter Trainingsläufe. Alle 14 Tage an wechselnden Orten, geführt von ortskundigen Laufbegeisterten, über unterschiedliche lange Strecken.

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Heute war es also so weit. Mit Christoph als Chauffeur und Teamchef ging es nach Röhl, unweit von Bitburg. Mit im Auto: Marion, Marc, Rudi und meinereiner. Dass die B51 wegen Baumfällarbeiten gesperrt ist, stört nicht weiter. So dürfen wir auf der Alternativeroute schon einmal die Vorzüge des ländlich strukturierte Raumes kennenlernen:Viel Landschaft, viel Landwirtschaft. Im Winter wenig Grün.

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Zehn Minuten vor dem offiziellen Start um 14.30 Uhr sind wir da. Und in den folgenden zehn Minuten addiert sich die Zahl der gut gelaunten Läuferschar am Gemeindehaus in Röhl auf rund 50 Frauen und Männer. Darunter auch Silvio, den ich beim TV bewegt-Training 2013 kennengelernt habe. Und Monika aus Pronsfeld, die ich vor allem als Facebookfreundin kenne.

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Organisator Wolfgang erklärt noch schnell die angebotenen Gruppen über 9, 16 und 20 Kilometer. Er erzählt davon, dass es einen Verpflegungspunkt gibt, und danach Kaffee,  Kuchen und mehr zur Stärkung.

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Noch ein Gruppenbild. Los geht’s.

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Rudi, der erst seit kurzem wieder nach längerer Verletzungspause ins Training eingestiegen ist, schließt sich der 16er Gruppe an. Wir anderen machen auf 20. Der ursprünglich vorgesehene Wegweiser hatte kurzfristig abgesagt. Dafür übernimmt Evelin charmant diesen Part. Ihr Mann Arnold ist auch dabei, verspricht die etwas Langsameren in der Gruppe zu begleiten.

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Los geht’s … wow, ein ordentliches Tempo ist das.

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Die Eifeler können Berge laufen. Das wird ganz schnell klar. Die Eifeler können Berge schnell hochlaufen. Uff. So flott bei einem profilierten 20er war ich seit langem nicht mehr unterwegs. Da kommt es gar nicht ungelegen, dass ich mit Evelin quatsche, und die Vorausläufer die ein oder andere Abzweigung verpassen, was für sie Umkehren bedeutet und für mich ein wenig Verschnaufpause.

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Bei Kilometer 9 die versprochene Verpflegungsstelle. Die 9er-Gruppe ist schon da. Wolfgang natürlich auch. Der Tee kann gar nicht süß genug sein, kommt gerade rechtzeitig. Ohne Zwischenstärkung wären weitere elf Kilometer in diesem Speed sicher nicht möglich.

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Marion wartet auf die in etwas gemächlicherem Tempo laufende 16er-Gruppe, die schon herannaht. Wir Männer aus Trier lassen uns natürlich nicht lumpen und werden auch auf der zweiten Streckenhälfte ordentlich Gas geben …

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Die Sonne kommt nun sogar zögerlich zwischen den Wolken hervor. Die Fernsicht ist heute eh grandios. Gut ist auch die Stimmung in der Gruppe. Auch wenn einige sichtlich am Limit unterwegs sind.

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Christoph bekommt dagegen die zweite Luft und läuft die letzten vier Kilometer mit zwei anderen schnellen Jungs an der Spitze vorneweg.

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So nah bin ich noch nie an der ehemaligen amerikanischen Airbase Bitburg vorbeigelaufen. Der Tower ist fast zum Greifen nah. Röhl ist nicht mehr weit. Was alle dazu veranlasst, nochmal zuzulegen. Der letzte Kilometer in 4:32 Minuten. Holla die Waldfee.

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Dann ist der Spaß auch schon vorbei. Stimmung gut. Duschen gibt es nicht, also Schweiß abwischen, trockene Klamotten anziehen und ab in den Keller, wo ein üppiges Kuchenbüffet, belegte Brote, Kaffee und allerlei Bitburger Gebräu warten, wobei überwiegend die alkoholfreien Varianten Abnehmer finden. Gastfreundschaft pur. Und wie uns in gemütlicher Runde erzählt wird, ist es bei allen Freundschaftsläufen in der Eifel so.

Danke! Wir werden wiederkommen. Diese Einladung nehmen wir gerne an!

Zwar hatte ich vor lauter Euphorie erst nach 800 Metern daran gedacht, die Streckenaufzeichnung zu starten. Aber die restlichen Daten geben noch einen ordentlichen Eindruck von Lauf, Profil und Tempo.

Runter, rauf und noch einmal

Er ist einer der ältesten Marathonläufe überhaupt, habe ich mich belehren lassen. In einer Reihe mit den Legenden Rennsteiglauf und Bienwald- und Schwarzwald-Marathon steht der in Monschau. Die  bereits 36. Auflage sollte auch in diesem Jahr viele Laufverrückte in den landschaftlich grandiosen Teil des Naturparks Eifel locken, der an der Grenze zu Belgien nahtlos in das Hohe Venn übergeht.

Geliebäugelt hatte ich schon länger mit einem Start dort. Nachdem bei meinem ersten Landschaftsmarathon im vergangenen Jahr im Hochwald heftigste Wadenkrämpfe auf den letzten zehn Kilometern den Spaß vertrieben hatten, blieb doch einige Skepsis, als mir eine von meinem Laufcoach Jens überlassene Wildcard praktisch keine Wahl mehr ließ: Ich würde starten, zumal die Formkurve nach der intensiven Vorbereitung auf Hamburg noch nicht so dramatisch in den Keller gerauscht war. Aber würden die vergleichsweise wenigen Läufe im Juni und Juli für einen Kultlauf genügen, der damit wirbt, mit mehr als 800 Höhenmeter auf zu 60 Prozent  Waldwegen die Herzen der Läufer nicht nur höher, sondern auch schneller schlagen zu lassen?

Ein gemeinsamer Trainingslauf beim Lauftreff in Schweich bringt die Entscheidung. „Monschau, eine tolle Sache, da fahren wir auch hin.“ Diese Ansage von Lauf-Urgestein Wolfgang Deutsch und die Zusage, ich könne mich der Gruppe aus Schweich gerne anschließen lassen mir keine Wahl mehr. Monschau, ich komme!

Als ich am Sonntag mein Auto kurz vor 7 Uhr auf den vorletzten Platz der als Parkraum ausgewiesenen Rasenfläche hinter der großen Buchenhecke abstelle, steigen aus dem Van vor mir vier Herren in den roten Jacken des LT Schweich. Fest verabredet hatten wir uns nicht. Und wir waren auch unterschiedliche Umwege durch die Eifel gefahren, die gefühlt zur Hälfte wegen Baustellen  auf seiner wichtigsten Verbindungsstraße gesperrt ist.

Großes Hallo mit Wolfgang, Uli, Heinz und Jobst. Als 50er-Team wollen sie im September den Jungfrau-Marathon finishen. Monschau soll so etwas wie ein Trainingslauf sein. „Wir laufen entspannt“, lautet dann auch die von Wolfgang ausgegebene Devise. „Ist mir recht“, versichere ich. Schließlich wolle ich die Landschaft genießen und keine Krämpfe bekommen.

Zwei mit reichlich Flüssigkeit geschluckte Salztabletten, eine vier Stunden vor dem Start, die zweite um 7.30 Uhr, nach dem Überziehen der Kompressionsstrümpfe und dem Befestigen der Startnummer am inzwischen reichlich ausgeleierten Gummiband. Es ist die „500“, eine schöne Nummer, wie mir bei der Übergabe auch die nette Dame vom TV Konzen versichert hat. Das schwarze Funktionsshirt mit dem Monschau-Branding bekomme ich auch noch. Dafür stehe ich gerne einmal für Jens‘ Team GetFit auf der Ergebnisliste. Hoffentlich.

Um 7.50 Uhr setzt sich der Läufertross in Bewegung. Zunächst im Schritttempo, denn in Monschau, genauer im Stadtteil Konzen hat es Tradition, dass die Teilnehmer gemeinsam von der Ortsmitte zum Start gehen. Knapp 200 Männer und Frauen haben das bereits zwei Stunden früher hinter sich gebracht. Es sind jene Furchtlosen, die in diesem Jahr den zum ersten Mal ausgerichteten Ultralauf über 56 Kilometer bestehen wollen.

Am Start treffe ich auch die zwischenzeitlich verlorenen Schweicher wieder. Wolfgang ist mit seinen knapp zwei Metern Körpergröße zum Glück schwer zu übersehen. „Da kommen die letzten vier Ultraläufer von ihrer Zwölf-Kilometer-Schleife“, kündigt der angesichts des Prachtwetters gut gelaunte Sprecher am Mikrophon an. Sonne, kurz vor 7 Uhr ebenso viele Plusgrade. Weder Schwüle noch zu große Hitze wird heute ein Problem sein.  Dann geht es los.

In gemächlichem Tempo trabt das Hauptfeld los, in das wir uns eingereiht haben. 507 Marathonläufer werden am Ende das Ziel erreicht haben, 424 Männer und 83 Frauen. Zudem sind sage und schreibe 98  Staffeln am Start. Weit mehr als 1200 Sportler werden diesen Sonntag also in bleibender Erinnerung behalten.

Zunächst geht es steil hinunter auf einem schmalen Pfad in Richtung Monschau. „Hier war es vergangenes Jahr verdammt glatt“, weiß Wolfgang.  „Da hat es die ganze Zeit geregnet.“

Rutschig ist heute nichts, aber Vorsicht ist dennoch angesichts der unebenen Strecke geboten. Mein langer Laufpartner erkennt einen Bekannten aus Köln. Er will an diesem Tag seinen 60. Marathon bewältigen. „In 4:17 Stunden, die Zeit fehlt mir noch“, erzählt er und deutet auf sein Shirt, auf dem er mit Edding die 59 Endzeiten seiner bisherigen Läufe fein säuberlich notiert hat. Die erste Zahl lautet 3:06 Stunden. Ok, denke ich, der kann also auch deutlich schneller.Bei diesem Tempo bleibt in dem beschaulichen Städtchen Monschau genügend Zeit, die schönen Häuser zu betrachten. Eine Burg gibt es hier. Und spätestens seit auch ein Eifelkrimi von Jaques Berndorf Mord und Totschlag in die 1700-Einwohner-Gemeinde brachte, ist das Städtchen an der Rur auch über die Region hinaus berühmt.

An dem erfrischend plätschernden Flüsschen entlang geht es bis zur idyllisch gelegenen Kluckbachbrücke, wo der erste von zahlreichen Verpflegungsstellen mit allerlei Stärkungen in flüssiger und fester Form wartet.  „So eine Schweinerei!“ empört sich eine Läuferin, als der Mann vor ihr den leeren Plastikbecher von der Brücke in hohem Bogen in den Flusswirft, wo er sich einigen munter auf den Wellen schaukelnden Artgenossen anschließt. Recht hat sie!

Die Erfrischung kam zum richtigen Zeitpunkt, die Erleichterung auch, denn nun geht es zum ersten Mal steiler bergauf. Aus den Augenwinkeln glaubte ich die anderen Schweicher zu erkennen, als sie an uns vorbeiliefen. Ein toller Pfad in herrlicher Umgebung. Ich lasse Wolfgang beim zügigen Berglauf den Vortritt und sehe seinen Fehltritt. Autsch! Umgeknickt. Aber nach Schrecksekunde und zwei Dutzend vorsichtiger Schritte gibt er Entwarnung: „Glück gehabt, da  ist nichts passiert“, und erzählt von seiner schweren Verletzung am anderen Fuß im vergangenen Jahr. „Da ist die Sehne wieder zusammengewachsen. Die reißt nicht mehr…“

Als wir an der Köhlerklause vorbeikommen, einer schönen Campier- und Rastmöglichkeit für Naturliebhaber, muss ich eingestehen, dass ich mich mit den Laufkollegen aus Schweich wohl vertan habe. Und in der Tat werden wir sie erst wieder nach dem Zieleinlauf sehen. Aber es wird heute nicht die letzte Verwechslung gewesen sein.

Bei Kilometer zehn laufen wir durch ein Dorf. „Wo sind wir hier?“, rufe ich einem Zuschauer zu. „Na im wunderschönen Widdau“, kommt die Antwort. Dort, wo die Staffeln erstmals wechseln. Wieder gibt es Verpflegung, von freundlichen Menschen gereicht, wie überall an der Strecke. In jedem Ort feuern die Einheimischen uns Läufer an, bieten Getränke, Riegel, Obst. Sie haben Plakate gemalt, erwidern jeden Gruß, haben aufbauende Sprüche für alle, die scheinbar oder tatsächlich in einer Schwächephase stecken.

Die haben fast alle beim zwei Kilometer langen Anstieg im Hölderbachtal. Hier wird auch niemand schief angeschaut, wenn er einige Meter geht – was für mich allerdings nicht in Frage kommt – noch nicht.

Und so geht es weiter: mal rauch, mal runter, dazwischen immer wieder flach entlang. Im Wald, auf Wiesenwegen. Die Kühe am Rande haben sich ebenso wie die Läufer zu Rudeln geschart. Auf der Höhe zum Brather Hof bläst der Wind kräftig. Die mächtigen Rotoren, die hier Energie gewinnen, stehen an der richtigen Stelle. Kurz nach Überquerung der B258 ist die erste Hälfte geschafft. Und wieder machen am Übergabepunkt der Staffeln die Menschen den Weg zu einer schmalen Gasse der Motivation.

Zwei Stunden und drei Minuten zeigt die Uhr an. „Jetzt laufen wir etwas zügiger“, schlägt mein Partner vor. „Unter vier Stunden will ich schon ins Ziel kommen.“ Ich habe keine Einwände, zumal es nun erst einmal längere Zeit eher bergab geht. „4:20“, gebe ich nach einem Kilometer das aktuelle Tempo weiter. Die zuvor lebhafte Unterhaltung stockt nun etwas. Vor allem wenn es den Berg hinunter geht, ist Walter mit seinen langen Beinen klar im Vorteil. Ich muss gefühlt mindestens doppelt so viele Schritte machen wie er. „Läufst Du jetzt auf drei Stunden 30?“, frage ich etwas stockend. „Oh, Du hast recht, wir müssen etwas Tempo herausnehmen“, kommt zur Antwort. „Wenn man die Leute überholt, ist es irgendwie wie ein Rausch, da muss man aufpassen“, spricht’s und läuft fortan nur noch 4:30 Minuten/Kilometer.

Ich lasse es locker bergab laufen und merke bald, dass ich am Berg relativ leicht wieder aufschließen kann. Wir überholen die Tempoläufer für 4:00 Stunden. Der Untergrund wechselt nun auf Asphalt. Das kommt dem Tempo entgegen.

Bei Kilometer 29 ist Kalterherberg erreicht. Ein Straßendorf von außergewöhnlicher Länge. 2400 Menschen leben hier. Die meisten haben sich heute wohl vor der großen neugotischen Dorfkirche mit dem Doppelturm versammelt, die eher einem Dom gleicht. Hier stehen sie Spalier für den dritten Staffelwechsel. Die anderen haben sich davor und dahinter auf mehreren hundert Metern verteilt, jeder Zweite mit einem  Bauchladen voller Energieriegel, Obst und Getränke. Ich greife zu und verschlucke mich prompt mächtig, weil ich so viel Kohlensäure nicht erwartet hatte.

Egal. Die Stimmung ist prächtig, als wir uns nach links in die Hecken schlagen. Wir laufen nun in unmittelbarer Nähe zur Grenze nach Belgien. Hier heißt die Eifel Hohes Venn. Eine idyllische Landschaft. Der kleine Fluss am Wegesrand ist wieder die Rur. Unter dem Viadukt der ehemaligen Vennbahn hindurch beginnt bei dem geschlossen wirkenden Gasthaus Leyloch ein langer Anstieg auf Asphalt. „Vor einem Jahr hat uns hier der Wirt mit warmen Getränken begrüßt“, erzählt Wolfgang. Vielleicht ist es ja derselbe Mann, der nun hinter dem Haus auf dem geschnittenen Stammholz sitzt und uns freundlich zuwinkt. Wir freuen uns derweil, dass die Distanz unserer Reststrecke nur noch der einer kürzeren Trainingseinheit entspricht.

Die Strecke auf der Straße, mit ihren langgezogenen Kurven, Anstiegen und Gefällen erinnert mich sehr an einen anderen Lauf in der Eifel: den Nürburgringlauf. Auch in Monschau hat diese Passage zwischen Kilometer 34 und 38 etwas von „grüner Hölle“. Die Beine sind nun ordentlich schwer. Ein leichtes Ziehen in den Oberschenkeln. Die Waden machen keine Probleme, registriere ich beruhigt. Der berüchtigte Hammermann, der einem angeblich mit einem Schlag alle verbleibenden Kräfte raubt, ist aber nicht zu sehen. Vielleicht verhindern dies auch die begeisterten Menschen in Mützenich, die über der Strecke ein großes Zelt errichtet haben, durch das die Läufer hindurch müssen, nicht ohne es ohne Stärkung verlassen zu haben. „Keine Sorge, einer ist noch hinter Dir!“, ist auf einem Plakat zu lesen. Ich muss schmunzeln. Die meisten Läufer werden diese Ironie wohl verkraften.

Am Ende komme noch ein Anstieg an dem sich zeige, wer noch Körner habe. So hatte mein erfahrener Mehrfach-Monschau-Finisher gewarnt. Na gut, denke ich mir, dann lasse ich es bis dahin eben laufen. Zumal es wieder bergab geht. Wolfgang bleibt nun etwas zurück. Aber ich werde auf ihn warten.

Dann biegen wir von der Straße wieder links auf einen schönen Naturpfad ab – und da ist er, der berüchtigte Schlussanstieg nach Konzen. Ich nehme Tempo heraus und meinen Partner im Ärmellosen roten Shirt wahr. Er läuft nur 50 Meter hinter mir. Der Kirchturm des Ortes kommt in Sicht, die Stimme des Sprechers zu hören. Wie beim Start versprochen, begrüßt er offenbar jeden einzelnen Läufer mit dem Namen.

Wo ist Wolfgang? Ich nehme nochmal Tempo heraus, trabe, sehe das Ziel, gebe ihm einen ermutigenden Wink, lasse ihn herankommen. Hand in Hand laufen wir unter dem Zielbogen hindurch, erhalten unsere Medaillen. Ich blicke strahlend auf, sehe den Mann, der sich herzlich dafür bedankt, dass ich ihn am Berg so hochgezogen habe. Dann erkenne ich Wolfgang. Er kommt jetzt ins Ziel. Wir klatschen uns ab. „Ich habe auf dem letzten Gefälle meinen Ischias gespürt und musste Tempo herausnehmen“, sagt er und versichert, dass er mir nicht böse ist, weil ich nicht gewartet habe. Ich versuche ihm das mit der Verwechslung zu erklären. Egal. Wir sind beide glücklich. 3:48:10 Stunden wird meine offizielle Nettozeit sein. Wolfgang ist nur fünf Sekunden langsamer.

Mit Obst, Cola und Tee warten wir auf die drei anderen Schweicher. Der Jungfrau-Marathon wird für sie sicher kein großes Problem. Vielleicht, nein, bestimmt laufe ich den irgendwann auch einmal.

Ergebnisse:

  1. Männer:             Markus Werker (TV Konzen)                     2:38:57
  2. Frauen:               Christina Ortmanns (Team coolart)         3:23:49

Läufer aus der Region Trier:

Rainer Neubert (Team getFit)           3:48:10

Wolfgang Deutsch (LT Schweich)     3:48:15

Uli Schabio (LT Schweich)                    3:58:52

Heinz Grundheber (LT Schweich)    4:00:28

Jobst Scherler (LT Schweich)             4:35:28

Thomas König (LT Mertesdorf)         6:20:50

Das Laktat muss raus. Am Tag danach tut’s zwar weh. Es hilft aber.