Zu viele Hammermänner

DSC09349

Ich dachte, es wäre ein gutes Omen, dass meine Kollegin Katharina in der vergangenen Woche ihren Namen gewechselt hat. Das hat sie zwar nicht wegen mir getan. Aber de Mos ist vor einem Marathon dennoch besser als Hammermann, auch wenn sie selbst sich mit kürzeren Laufdistanzen begnügt. Ein Hammermann weniger war in diesem Fall allerdings nicht genug. Es gibt in Frankfurt einfach zu viele davon …

DSC09259

Aber der Reihe nach: Eine Woche Küchenrenovierung ist vielleicht tatsächlich nicht das perfekte Tapering. Das merkte Coach Jens schon mit einem Augenzwinkern an, als er davon erfahren hatte. Na ja, tatsächlich ist es vermutlich nicht wirklich erholsam, fünf Tage lange bei Renovierung- und Aufbauarbeiten permanent auf den Beinen und Knien zu sein.

DSC09256

So sind die Beine nicht ganz leicht, als ich mit meinem Schatz am Samstagmittag auf den Weg nach Frankfurt mache. Irgendwie ist es so unwirklich wie noch nie vor einem Marathon. Und dann soll es auch noch mein schnellster werden …

DSC09261

Bevor wir im Hotel einchecken –  Hamburger Hof unmittelbar am Hauptbahnhof ist sehr zu empfehlen, wenn ich mir diese Anmerkung erlauben darf -, geht es erst einmal zum Messegelände, Startunterlagen abholen, Marathonmesse durchschlendern und Freunde treffen.

DSC09262

Die Einen nur virtuell, weil sie höchst plakativ – hallo Jens, hallo Yvonne – für den Luxemburg-Marathon im kommenden Frühjahr werben.

DSC09264

Die anderen live und in Farbe. Martin ist da, der es doch mit einem schnellen Lauf versuchen will, Frank, der froh wäre, nach 3:15 Stunden im Ziel zu sein, und der schnelle Dominik, der bei seiner Marathonpremiere „so etwas um die 2:50“ laufen will. Holla!

Flo Neuschwander kommt auch noch vorbei, der „Rockstar unter Deutschlands Läufern“, wie im aktuellen Runners Magazin zu lesen und zu sehen ist. Allerdings war dieser Bericht wohl schon vor Flos Mega-Ultraerfolg in den USA entstanden. Denn auf meine Frage, wo denn seine Piercings geblieben sind, antwortet er mit einem Grinsen, die habe ihm ein Bär in den Rocky Mountains abgeluchst. Nun ja, ein witziger Typ ist der Florian ja. Und in seiner neuen Wahlheimat Frankfurt fühlt er sich augenscheinlich sehr wohl.

DSC09267

Da alle anderen befreundeten und bekannten Läufer in anderen Hotels übernachten, haben wir zu zweit den Vorteil, am Abend nach nur kurzer Wartezeit einen Platz beim Italiener zu finden. wo überwiegend schmale Menschen sich ihre private Pasta-Party geben. Ist aber auch lecker.

DSC09282

Und dann ist schon der Wettkampftag da. Die Nacht war in Ordnung. Alleine am Wettkampftag beim Frühstück zu sitzen, ist aber schon ein komisches Gefühl. Und auch zum Start bei einem großen Marathon bin ich noch nie alleine gegangen. Alles unwirklich, sag ich doch.

DSC09285

Ideales Wetter, knapp über 10 Grad, kein Wind. Das Gewusele vor und in der Festhalle nimmt zu. Eine knappe Stunde später wird nur einen Steinwurf entfernt der Startschuss fallen.

DSC09294

Kleiderbeutel abgeben, das neue Startnummernband angeschnallt, mit vier Gels bestückt, gut zehn Minuten einlaufen, dann noch drei Steigerungsläufe. Die Beine fühlen sich ganz gut an. Jubelpose nicht vergessen. Hier ist alles erlaubt, ohne das irgendjemand fragend schaut.

DSC09301

Und dann begegnet mir der Hammermann! Zu früh, viel zu früh. Aber auf meine Bitte, er möge mir in den nächsten 3,5 Stunden nicht mehr begegnen, reagiert er beim Posen in die Fernsehkamera des Hessischen Rundfunks gar nicht. Ein schlechtes Zeichen?

DSC09305

Im Asics-Block – hier starten alle, die eine Zielzeit schneller als 3:15 Stunden angegeben haben – ist schon viel los, als vor mir der Mann mit dem gelben Ballon auftaucht. 2:59 steht darauf, auch auf seinem Shirt. Schön wär’s …

Aber schon wieder winkt ein Hammermann. Einer, den auch die Leute kennen, die nicht Strecken mit mehr als 40 Kilometer laufen. Vielleicht sind auch wegen des überdimensionalen Klöppelschwingers die Menschen im Starterfeld so wenig ausgelassen an diesem Morgen.

DSC09309

Martin, Dominik und ich sind da natürlich eine Ausnahme. Vor allem Dominik scheint überhaupt keinen Respekt vor der Königsdisziplin zu haben. Er hat auch allen Grund dafür, wie sich später herausstellen wird. Er wird seinen Premierenmarathon in grandiosen 2:48:01 bewältigen.

DSC09314

Mir ist die Sache noch immer nicht wirklich geheuer. Ich komme mir ein wenig vor wie im falschen Film. Aber es gibt nun kein Zurück mehr. Mal sehen, wie es läuft. Nicht schlecht  läuft es zumindest für die Nutznießer der Zieh-das-warme-Obereil-aus-und-wirf-es-über-den-Zaun-Aktion. Manch‘ nicht zu schlechtes Stück wechselt so den Besitzer.

Arne Gabius wird vorgestellt. Er startet nur 25 Sekunden vor uns, hat es aber viel eiliger, wieder ins Ziel zu kommen. Gigantisch, was der für eine Zeit hinlegt! Vor allem auf den letzten Kilometern … Aber das ist eine andere Geschichte.

Meine Wettkampfgeschichte beginnt damit, dass sich auf dem ersten Kilometer gefühlt alle gegenseitig auf die Füße latschen. Auf dem zweiten Kilometer rutscht mir eines meiner vier Gels aus dem Gürtel. Nicht so schlimm, drei sollten für das Rennen genügen. Aber welch komische Zeiten zeigt denn meine Suunto an?

DSC09316

In den Häuserschluchten der Bankenmetropole spielt das GPS-Signal offenbar ab und zu Ping-Pong zwischen Glasfassaden. Jedenfalls können dieses Paceanangaben niemals stimmen, dafür sind wir viel zu schnell unterwegs. oder snd die Fünf-komma-nochwas auf dem Display eine böses Omen?

DSC09319

Der Pacemaker ist also nun mein Tempomat. Martin, mit dem ich eigentlich gemeinsam laufen wollte, ist nicht mehr zu sehen. Ich wähne ihn hinter mir, kann ihn aber nicht entdecken. Auf den ersten Kilometern geht es im Zickzack durch die Innenstadt. Bei Kilometer sieben, im Bereich Kaiserplatz, wollte Karin stehen. Sie ist nicht zu sehen …

DSC09324

Kilometer zehn ist an der Universität erreicht. Alles scheint ganz gut zu laufen. Ich habe mein Zwischenzeitenband natürlich im Zimmer vergessen. Ich vermute, wir sind schneller als nötig, aber ein paar Sekunden Puffer sind ja nicht schlecht.

Kilometer 13 – es geht es zum ersten Mal über den Main. Zwischen Sachsenhausen und Niederrad warten die erste langen Geraden. Bei Kilometer 15 sehe ich dann doch meinen Schatz, sie mich auch. Das tut gut. Denn nachdem bislang reichlich Schaulustige an der Strecke angefeuert haben, wird es ab hier doch eher dünn mit Motivationssprüchen. Aber so ist das nun mal bei den meisten Marathons. Die Strecke ist einfach zu lang, als dass an jeder Stelle Publikum zu erwarten wäre.

DSC09329

Auf Höhe der Staustufe Griesheim ist die Hälfte der Distanz geschafft. Inzwischen habe ich akzeptiert, dass meine Uhr schon jetzt wieder 500 Meter mehr anzeigt als die offiziellen Streckenmarken. Deshalb ist es auch nicht verwunderlich, dass meine offizielle HM-Zeit mit 1:29:11 notiert wird, meine Suunto aber sensationelle 1:26:27 registriert. Meine Beine fühlen sich eher nach der schnelleren Zeit an. Leider wachsen die Zweifel, ob ich dieses Tempo durchhalten kann.

Drei lange Kilometer zur Schwanzeimer Brücke, über den Main nach Höchst. Selbstmotivation ist nun angesagt. Der gelbe Ballon ist plötzlich wieder direkt vor mir. Geht doch! Denke ich mir ziemlich genau an dem Punkt an dem Martin wegen muskulärer Probleme aussteigt. Aber davon bekomme ich nichts mit, denn die Stimmung in Höchst ist wieder ziemlich gut. Und als die Musik nicht mehr da ist, begegnet er mir wieder und zieht den Stecker heraus:

DSC09304

Die 3 Kilometer lange Gerade von Griesheim zur Hellerhofsiedlung füllt meine Beine mit Beton. Die Luft ist raus, definitiv. Na gut, dann genieße ich den Rest des Laufs und nehme eben bewusst Tempo heraus. Und noch etwas mehr … 5:05 Minuten pro Kilometer … Hey, das fühlt sich jetzt aber doch wirklich anders an. Erste kurze Gehpause bei der Getränkeaufnahme bei Kilometer 32. Warum läuft es sich so schwer wieder an? Ist ja fast wie beim Maare-Mosel-Lauf. Och nö! …

Zwei Kilometer laufen, bis zur nächsten Verpflegungsstation, dann gönne ich mir wieder ein paar Schritte. Dieses Spiel wiederholt sich nun, ich würde zu gerne einfach aufhören. Das geht nicht, nein, vielleicht ist ja noch eine Zeit um 3:10 möglich!  Mein Beine halten davon nichts und verbünden sich zu einer immer lauter schreienden  Protestbewegung gegen meinen Geist?

Kilometer 37, da müsste doch Karin stehen? Ja, da ist sie! Es gibt keinen besseren Grund, um nochmal stehen zu bleiben. Eine Umarmung, einige Worte der Kapitulation. Vergeblich. Motivierende Worte katapultieren mich zurück auf die Strecke. Na gut, das Verb ist nun vielleicht etwas falsch gewählt. Aber der Geist ist willig. Weitermachen,   dann wird es zumindest eine Zeit unter 3:15 … Immer dieses Schlussgekurve durch die Citys! Das war in Düsseldorf doch auch so, so …  naja, dieses Wort gehört hier nicht hin. Kilometer 40 – hier muss es doch Cola geben?

DSC09336

Vom Tisch mit den Isodrinks bis zur Koffeinlimonade sind es wohl 100 Meter, die ich gehe, ich kann nicht anders. Tempo 5:57 Minuten für diesen Kilometer – kreisch – das ist der tiefste Tiefpunkt, der die 3:15 gefährdet. Aber das darf nicht sein! Also kämpft Kopf den Widerstand der Beine nieder und lässt sie noch einmal so schnell laufen, wie es möglich ist. Lange Gerade, schon wieder – oh Mann, das wird eng – Kurve, kurze Gerade, noch ne Kurve – jetzt muss es doch endlich … – ja, die Festhalle, nicht nachlassen. Ins Dunkel, roter Teppich, Zielbogen. Wie war das mit der grandiosen Stimmung beim Zieleinlauf? Ich bin nur froh, dass es vorbei ist. 3:14:56 stehen auf der Uhr.

DSC09332

Das war knapp! Irgendwie doof. Diese Zeit hätte ich auch laufen können, ohne mich so zu quälen. Aber ich wollte es ja so. Das war einfach nicht mein Tag, zumindest nicht ab Kilometer 28.

DSC09338

Ich komme zumindest noch rechtzeitig, um die Siegerehrung von Arne Gabius im  Zielbereich live zu verfolgen. Von einem neuem deutschen Rekord, von Olympianorm und solchen Dingen ist da die Rede. Wirklich realisieren kann ich das erst später.

Gemein ist in Frankfurt übrigens die  Treppe, die alle Läufer hinabsteigen müssen, um an Medaille, vor allem aber an heißen Tee, herrlich salzige Gemüsebrühe und Obst zu kommen. Wie schmerzhaft ein Marathon sein kann, zeigt sich an der Eleganz, wie dieses unnatürliche Hindernis überwunden wird.

DSC09340

Wie ich selbst hinuntersteige, kann ich nicht sagen. Ich denke, nicht ganz so gequält. Aber spätestens, als mich Flo Neuschwander entdeckt und mir grinsend auf die Schulter klopft – „na, wie war’s?“ – ist die Welt wieder in Ordnung. Das Lachen kehrt zurück. Es war eben nicht mein Tag. Das ist leichter zu akzeptieren als ein Lauf, bei dem ich – wie in Düsseldorf – die Drei-Stunden-Marke hätte knacken können, es  wegen dummer Fehler aber verpasst habe.

DSC09342

Ich verabschiede mich von Flo und seiner hübschen Staffelbegleitung. Die Plastiküberzüge sind nun wirklich gut, halten warm in den paar Minuten, bis der Weg zur Kleiderbeutelausgabe gewagt werden kann. Sitzen ist gar keine schlechte Idee.

DSC09345

Auf dem Weg in die Messehalle kommt mir doch tatsächlich mein Schatz entgegen. Die Welt ist in Ordnung, alles ist gut! Besonders die heiße Dusche im Hotel, die Beinmassage, der Latte Macchiato und das Gefühl, es geschafft zu haben – nicht etwa, die drei Stunden zu unterbieten. Ich habe diesen Lauf hinter mich gebracht. Es ist eine Befreiung. Endlich wieder Genussläufe! Die Hammermänner dieser Welt können mir gestohlen bleiben!

medaille

Wie gut, dass meine liebe Kollegin einen neuen Namen hat …