Vorerst ausgestolpert

Urbanian Run Trier 2015

Ein Läufer, der auf dem Dach eines alten Autos steht und vor Freude strahlend die Arme in die Höhe reckt. Dieses Bild ist meine Erinnerung an den Urbanian Run im vergangenen Jahr. Mehr als 1000 Teilnehmer hatten bei der Premiere dieses ungewöhnlichen Hindernislaufs durch die Altstadt von Trier viel Spaß.

Da wurde gelaufen, geklettert, gesprungen und gestolpert, was das Zeug hält. Immer begleitet vom Gejohle und den Anfeuerungsrufen der weniger aktiven Zuschauer am Rande der Strecke. Viele, die auf der Fünfkilometerstrecke ihre Premiere feierten, wollten in diesem Jahr die längere Distanz über zehn Kilometer angreifen.
Wer es noch nicht weiß, muss jetzt tapfer sein: Es hat sich ausgestolpert. Der neue Lizenzgeber hat es nicht geschafft, eine zweite Auflage in Trier zu finanzieren. Alle Bemühungen des Vereins Trierer Stadtlauf, als Organisator vor Ort die Veranstaltung zu retten, waren vergebens.

Der Verein hat angekündigt, er werde gemeinsam mit der Stadt Trier und Sponsoren 2017 ein neues Spaßereignis auf die Beine stellen. Bis dahin muss der Trierer Stadtlauf genügen. Stolperfallen sind am 26. Juni allerdings eher nicht erwünscht.

Mein schnelleres Ich

Urbanian Run Trier 2015Wer beim Urbanian Run in Trier als Zuschauer oder Teilnehmer dabei war, wird mir zustimmen, dass es das versprochene Spektakel geboten hat. Für die Stadt Trier und die Laufregion ist diese Veranstaltung sicher ein Gewinn, zumal dort ganz offensichtlich neue Zielgruppen angesprochen wurden. Nicht wenige der Starter hatten jedenfalls erkennbar wenig Erfahrung mit Laufwettbewerben. Umso größer war das Strahlen auf den Gesichtern nach dem Zieleinlauf.

Wenn im kommenden Jahr – die Hoffnung auf eine Etablierung der Veranstaltung ist groß – noch einige kleine Verbesserungen umgesetzt werden, um unnötige Wartezeiten vor einigen Hindernissen zu reduzieren, dann werden sicher mehr als 1000 Teilnehmer Spaß haben.

Für mich selbst hat der Hindernislauf auch Erkenntnisse gebracht. Vor allem die, dass ich schneller sein kann als ich selbst. Wie das geht? Dazu ist nur ein Laufpartner notwendig, der über größere Sprintfähigkeiten verfügt als man selbst. Im Endspurt gegen meinen Sohn war ich jedenfalls eine Sekunde schneller als ich, obwohl er mich auf den letzten 50 Metern alt aussehen ließ. In der Platzierungsliste liege ich dennoch knapp vor ihm. Wir hatten unsere Startnummern vertauscht …

Über Autos, Mauern und Reifenstapel

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„Ich will jetzt Eure Hände seeeh’n!!!“ dröhnt es aus den Lautsprechern. Sehen kann ich den Moderator nicht. Aber das ist für jemanden, der in der zehnten Startreihe steht und nur knapp 170 Zentimeter misst, keine neue Erfahrung. Die Stimmung vor der Porta Nigra ist prächtig, die Luft knistert vor Spannung.

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Aber vielleicht liegt das auch an dem schwülen Wetter. Noch zehn Sekunden bis zum Start des ersten Urbanian Run in Trier, noch neun, acht, sieben, … Die Trierer Sportdezernentin zieht tatsächlich den Abzug der Startpistole durch. Auf geht’s zur wilden Jagd!

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Für mich ist es das erste Hindernisrennen überhaupt. So nervös war ich schon lange nicht mehr vor einem Lauf. Aber heute kann ich dieses Kribbeln zumindest mit meinem Sohn teilen. Der 14-Jährige soll mir bei den Hangelpassagen helfen. Ich werde ihm dafür auf den Laufetappen zwischen den acht Hindernissen Beine machen. Wer zehn Kilometer läuft, muss diese zweimal sowie fünf weitere Barrieren überwinden. Aber bis sich Nummer eins in den Weg stellt, müssen erst einmal 1000 Meter gelaufen werden.

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Laufen? Hey, was ist das denn? Dieses Stop-and-Go fühlt sich an wie Silvesterlauf. „Vielleicht ist das ja das versteckte neunte Hindernis“, rufe ich dem Sohn zu, während wir uns durch die gemütlich trabenden und vor Schweiß glänzenden Massen schlängeln. Okay, unsereiner duftet auch nicht mehr nach Oleander, Lavendel und Jasmin …

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Im Palastgarten ist endlich mehr Raum, dort wartet das erste offizielle Hindernis: Jump’n’Run, mehrere Pylonreihen, die zu überspringen sind. Es ist offiziell das Hindernis des Trierischen Volksfreunds, weshalb ich hier mit unserem Fotografen verabredet bin.

Urbanian Run Trier 2015

Meinen Sohn lichtet er in perfekter Sprungtechnik ab. Aber das bemerke ich nicht. Erst kurz vor der letzten Hürde, die ich ganz rechts überspringen will, höre ich von ganz links sein Rufen. „Ach da bist Du …“ Rumms, laufe ich voll in die Plastikbarriere und vermeide nur knapp den schmerzhaften Kontakt mit dem Wegbelag.

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Na ja, es gibt ja noch andere schöne Stellen für Fotos … Aber bitte nicht an diesem Hangeldings, das jetzt in Sichtweite kommt! Das ist mein Albtraum. Na gut, im Zweifelsfall mache ich zehn Liegestütze. Das darf ersatzweise sein, hat der Moderator am Start gesagt, wenn man ein Hindernis tatsächlich nicht schafft. Und schon hangelt mein sportlicher Nachwuchs durch die acht Meter lange Herausforderung, als wäre es ein Kinderspiel. Los jetzt, Papa, nur keine Blöße geben! Eins – Mann, ist das rutschig – zwei – geht doch – drei – fühlt sich gar nicht so verkehrt an – vier – Yippie!!! Meine Mundwinkel sind ab sofort vor den Ohren festgetackert. Was kann jetzt noch kommen, auf drei Kilometern im Zickzack durch die City?

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Die mächtigen Sandsäcke zum Beispiel, die sind kein wirklich schweres Hindernis. Vielleicht liegt das auch an den Anfeuerungsrufen vom Streckenrand. Viele Trierer nutzen diesen feucht-warmen Nachmittag, um sich das Spektakel anzusehen. „Raineeer, lauf!“
Ich nehme trotzdem ein wenig Tempo raus, weil mein junger Begleiter auf der Flachstrecke mehr Schwächen zeigt als an den Hindernissen. Das Spitzenduo des 15 Minuten früher gestarteten 10er Laufs nutzt das, um auf seiner bereits zweiten Runde locker an uns vorbeizuziehen.

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Wow! Aber auf dem Viehmarkt lenken hübsche Frauen von diesem mentalen Tiefschlag ab. Sie drücken uns Pakete in die Hand. Die sollen über das überdimensionale Gepäcknetz und eine Rutsche auf die andere Seite der vier Meter hohen Wand gebracht werden. Das macht Laune, auch wenn es dabei ganz schön wackelig zugeht.

Urbanian Run Trier 2015

Posing für den Fotografen. Danke für das Foto, Holger Teusch.

Rush Hour nennt sich das nächste Hindernis. Feierabendverkehr in Trier also. Schade, dass wir da nicht auch einfach über Autos laufen können. Eine spaßige Angelegenheit. Aber die Freude über die Blechkletterpartie lässt sich kaum auskosten, weil der Veranstalter nun Reifenstapel in den Weg geworfen hat.

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Auf dem Hauptmarkt ist die Stimmung natürlich grandios, wie bei jedem Lauf in Trier. Eine Zumbatruppe animiert die Zuschauer zum Tanzen, während die schweißnassen Urbanian Runner über die gestapelten Holzkästen des Hauptsponsors klettern und springen.

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Nicht alle sehen noch frisch aus, einige leiden sichtbar. Nicht schlecht, dass sich am Frankenturm ein wenig Zeit zum Atemholen bietet. Denn hier, an der mächtigen Mauer, gibt es den einzigen wirklichen Stau. Kletterbegabte Leichtgewichte sind da klar im Vorteil, weil sie nicht unbedingt vom letzten Podest aus die Wand erklimmen müssen.

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Sohnemann hat nun auch wieder genug Luft, als ich ihn auf die Mauer ziehe. Seine Gesichtsfarbe war schon natürlicher. Aber Papa ist ein Motivationsgenie: „Es sind nur noch ein paar Hundert Meter bis ins Ziel!“ Dieses Versprechen zeigt Wirkung und lässt uns die Simeonstraße hinunterfliegen. Verdammt, ich verliere schon wieder einen Endspurt …

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Aber was soll’s. Im nächsten Jahr machen wir den Zehner, ganz bestimmt.

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Auf dem Glatteis?

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Wenn es dem Esel zu wohl wird, geht er aufs Eis. Wenn es dem Läufer zu gut geht, dann startet er beim Urbanian Run.  Es scheint, diesem leicht modifizierten Sprichwort werden am Sonntag mehr als 1000 Wagemutige folgen, die in Trier beim Hindernislauf durch die Altstadt die Herausforderung suchen. In nicht wenigen Wohnzimmern der Region hängt deshalb in diesen Tagen Schweißgeruch. Liegestütz und andere Kraftübungen helfen ja vielleicht ein wenig, wenn die Barrieren zu erklimmen sind, die in wenigen Tagen den Weg versperren.
Aber zumindest die Zuschauer werden ihren Spaß haben, wenn das vielen Startern trotz kurzfristigen Bodybuildings nicht auf Anhieb gelingt. Vermutlich werde ich zu denen gehören und mir auch noch den Spott meines Sohnes anhören dürfen. Den nehme ich als Verstärkung mit, und – psst, nicht verraten – vielleicht auch zur Hilfestellung bei Power Tower, Big Pack Pyramide, Ramp Rocker und einigen anderen Hindernissen mit ähnlich martialischen Namen.

An denen wird mich Sohnemann zwar vermutlich so alt aussehen lassen wie ich bin. Ihm werde ich dafür auf den Laufstrecken zwischen den Barrieren Beine machen. So lautet jedenfalls mein Plan – der hoffentlich nicht aufs Glatteis führt.

(Dieser Text ist als Laufkolumne in der Regionalzeitung Trierischer Volksfreund erschienen.)